Pflegereform 2017 : Ich werde kein Pflegefall!

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Künftig profitieren mehr Menschen von den Leistungen der Pflegeversicherung. Bild: VadimGuzhva | Fotolia.com

Die gesetzliche Pflegeversicherung wurde zum 01.01.2017 reformiert – von einer Vollkaskoversicherung ist sie dennoch weit entfernt.

Das Risiko, selbst einmal zum Pflegefall zu werden, unterschätzen oder verdrängen wir nur zu gerne. Ganz zu schweigen von den damit einhergehenden finanziellen Auswirkungen.   

Die Entwicklung der Pflegesituation in Deutschland

„Ich werde kein Pflegefall, ich nicht.“ Ich bin 36 Jahre alt. Erfreue mich bester Gesundheit. In meiner Gedankenwelt ist Pflege im Alter ungefähr so weit entfernt wie die Besiedelung des Mars. Das Risiko ist mir zwar bewusst, aber ich verdränge es gekonnt. Psychologisch raffiniert sage ich mir, „Mich wird es schon nicht treffen“. Warum sollte ich mich auch mit etwas auseinandersetzen, das vermeintlich noch so weit in der Zukunft liegt? Mit diesen Gedanken bin ich kein Einzelfall. So denken viele. Dabei fordert die Entwicklung der Pflegesituation in Deutschland eigentlich das Gegenteil. Eine konsequente Aufklärung und ein rechtzeitiges Auseinandersetzen mit dem Thema sind wichtig.

Aktuellen Statistiken folgend, wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2050 circa verdoppelt haben: auf 4,4 Millionen Menschen. Schon heute liegt die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens einmal zum Pflegefall zu, werden bei 50 Prozent. Jeder Zweite wird zum Pflegepatienten. Die heute noch vorherrschende Pflege in den eigenen vier Wänden durch die Familie wird in Zukunft mehr und mehr zurückgehen. Bereits jetzt leben mehr als 30 Prozent der Kinder über 100 Kilometer entfernt von ihren Eltern – Tendenz steigend. Generationenhäuser sind eine Tradition der Vergangenheit. Zukünftig werden wir verstärkt auf ambulante Pflegedienste und Pflegeheime angewiesen sein. Besonders im Rentenalter sind viele Menschen auf eine solche Hilfe angewiesen. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II wurde nun endlich eine Verbesserung in vielen Bereichen geschaffen. 

©Daniel Seeger

Die Pflegereform 2017 – Pflegerade lösen Pflegestufen ab

Das Pflegestärkungsgesetz 2 ist die größte Reform seit Bestehen der gesetzlichen Pflegeversicherung. Sie ist seit Januar 2017 in Kraft – doch nur die Wenigsten kennen die Inhalte, Leistungen und Einstufungsgrundsätze für die neu geschaffenen Pflegegrade.

Gleichstellung als zentrales Ziel

Vor der Pflegereform 2017 erhielten vor allem demenzkranke Menschen keine angemessene Einstufung ihrer Pflegebedürftigkeit. Das hat sich nun geändert. Ausschlaggebend für die Zuweisung eines Pflegegrades ist der Grad der Selbstständigkeit einer Person, egal ob sie aus körperlicher oder geistiger Erkrankung Hilfe benötigt.

Auch das „Minuten zählen“ hat ein Ende. Seit Januar 2017 ist nicht mehr die notwendige Zeit einer ausgebildeten Pflegekraft für die Pflege maßgebend, sondern die tatsächliche Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Person. Worin wird Hilfe benötigt? Was kann noch ohne fremde Hilfe bewältigt werden? Wie wird der Alltag organisiert?

Das neue Begutachtungsverfahren (NBA) zur Einstufung

Eingeleitet wird die Feststellung einer Pflegebedürftigkeit durch Antragstellung auf Pflegeleistung bei der gesetzlichen oder privaten Krankenkasse. Ein unabhängiger Sachverständiger prüft den Grad der Selbständigkeit anhand von Kriterien in diesen sechs verschiedenen Lebensbereichen: 

Kriterien zur Überprüfung der Selbständigkeit.
Kriterien zur Überprüfung der Selbständigkeit ©Daniel Seeger

• Mobilität (10 Prozent)
• Kognitive und kommunikative Fähigkeit (15 Prozent)
• Verhaltensweise und psychische Problemlage (15 Prozent)
• Selbstversorgung (40 Prozent)
• Bewältigung von krankheits- und therapiebedingten Belastungen (20 Prozent)
• Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

(Aus den Lebensbereichen 2 und 3 fließt nur der Lebensbereich in die Bewertung mit ein, in dem eine höhere Beeinträchtigung vorliegt.)

Am Ende des neuen Begutachtungsverfahrens ermittelt der Gutachter eine Gesamtpunktzahl, die für die Einstufung in die neuen Pflegegrade maßgeblich ist:

Pflegegrad 1 (12,5 bis unter 27 Punkte): Geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit

Pflegegrad 2 (27 bis unter 47,5 Punkte): Erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit

Pflegegrad 3 (47,5 bis unter 70 Punkte): Schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit

Pflegegrad 4 (70 bis unter 90 Punkte): Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit

Pflegegrad 5 (90 bis 100 Punkte): Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die Pflege

Neu geschaffen ist der Pflegegrad 1, durch den auch Menschen als pflegebedürftig eingestuft werden, deren Selbstständigkeit nur verhältnismäßig wenig eingeschränkt ist. Schätzungsweise können über 500.000 Menschen durch diesen neuen Pflegegrad nun Leistungen durch die gesetzliche Pflegeversicherung erhalten.

Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung

Je nach Grad der Pflegebedürftigkeit und Art der Pflege erhalten Pflegebedürftige durch die Reform nun bis zu 609 Euro mehr Leistung. Besonders Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, beispielsweise durch Demenz, werden durch das Pflegestärkungsgesetz II deutlich entlastet. Ebenso erhalten Menschen in Pflegegrad 1 und 2 bei häuslicher Pflege verbesserte Leistungen durch die gesetzliche Pflegeversicherung.

In anderen Bereichen haben sich die Leistungen für die Pflege seit Januar reduziert. Dies trifft vor allem diejenigen Pflegebedürftigen, die sich in einem niedrigen Pflegegrad befinden, sich aber eine vollstationäre Pflege im Heim wünschen.

Eine Übersicht über die Leistungen in allen Pflegegraden finden Sie im Ratgeber zur Pflege auf dem Deutschen Seniorenportal.